Servus, aus München - Zeit wurde es

Hier könnt ihr euch den anderen Nutzern vorstellen
Antworten
Benutzeravatar
Benny48
User
Beiträge: 68
Registriert: 15. Dezember 2022 15:13
Wohnort: München

Servus, aus München - Zeit wurde es

Beitrag von Benny48 »

Servus, ich bin Benny, 48 - und wünsche mir, ich wäre vor 40 Jahren schon hier gewesen.
40 Jahre verheimlichen, verdrücken und Blase überdehnen (meine Urologin hat dabei die Augen furchtbar verdreht), sich schämen, sich alleine fühlen, sich als Betrüger fühlen (man "hintergeht" ja dauernd alle anderen, sucht und findet Ausreden), sich immer mehr von anderen distanzieren, den anderen unterlegen fühlen, UND besonders: auf das Leben verzichten - auf besondere Abenteuer verzichten (weil es keine sicheren Örtchen gibt), auf Erlebnisse verzichten (weil der Flug halt 10+ Stunden dauert), auf Besuche bei Freunden verzichten (weil die hellhörige Toilette direkt neben der WG Küche ist, so viel im Leben vermeiden oder verpassen wegen einer Sache, die bereits Babys ohne nachzudenken können ;-)
Es macht mich fast verrückt, auch nur daran zu denken, was ich mir die letzten 4 Jahrzehnte angetan habe - körperlich und psychisch.
Damit ist aber Schluss und ich blicke nur nach vorne. Und bin froh Euch hier gefunden zu haben.
Und nicht alleine zu sein.
Ich habe die letzten Jahre (langsam) und die letzten Monate (schneller) mein "Können" verbessert.
Habe aber auch gemerkt, dass ich mit dem letzten aber für mich sehr wichtigen Teil anstehe und ohne echte Hilfe nicht weiterkomme.
Unabhängig von dem Austausch hier und Johannes' Wemingo mache ich momentan auch sehr viel Meditationstraining und Autogenes Training um meine immer stärker gewordenen Ängste "in den Griff zu bekommen". Beides hat mir auch die letzten Monate geholfen.
Was ich bereits durch Johannes geschafft habe, ist, den Wechsel vom Urinal zum Stall als selbstverständliche mir zustehende Sache anzunehmen (Bisher, wenn nichts ging, mit ich wortwörtlich "mit eingezogenem Schwanz" - sorry für das Wortspiel von Dannen gezogen und habe eine "angemessene" Zeit gewartet, bis ich wieder auf die Toilette geschlichen bin (Schmerz, Peinlichkeit, Scham!). Nun, wenn ich merke - ich kann nicht loslegen (s.u.), dann gehe ich in den Stall, wie es mir zusteht.
Woran ich nun arbeite:
- Die Gedanken und Angst vor dem Gang loswerden
- Die Stille, wenn bei mir und dem anderen "nichts geht" zu akzeptieren und dennoch zu entspannen
- Gleichzeitig mit mir eintretende Mitpinkler ignorieren, resp. gar nicht als relevant registrieren.
- Physische Nähe (argh!) von ca. 4m auf 0,5m akzeptieren lernen (blöde Minitoiletten, echt jetzt).
- besonders, wenn sie keinen Sichtschutz bieten
- laute und vor allem plötzliche Geräusche (aufschlagende, zuschlagende Türen, Gebläse, lautes Gerede der anderen, etc.) ignorieren
- mir bekannte Personen ignorieren (bei Fremden ist es leichter als wenn der Kumpel, Onkel, Arbeitskollege, Chef,... daneben steht)
- Den Entgegner gegenübertreten: Oktoberfest, hell erleuchtete Pinkelrinne auf wackelnden Holzboden mit besoffenen Kollegen und Freunden, die laut grölend ein- und ausziehen und einem plötzlich auf den Rücken klopfen.
:-)
Freue mich auf die Reise und habe Angst.
Benny
johannes
Webmaster
Beiträge: 70
Registriert: 15. Februar 2016 14:08
Wohnort: Berlin

Re: Servus, aus München - Zeit wurde es

Beitrag von johannes »

Hallo auch an dieser Stelle! :) Danke für deine Vorstellung.
Freue mich sehr, wenn du aus WeMingo schon etwas mitnehmen konntest.
Herr Klecks hat geschrieben:den Wechsel vom Urinal zum Stall als selbstverständliche mir zustehende Sache anzunehmen
Das ist wirklich so viel wert. Geht mir genau so, dass ich im Nachhinein nicht verstehe, warum ich so einen strikten Anspruch mir selbst gegenüber hatte, unbedingt die Urinale nutzen zu müssen...

Viele Grüße,
Johannes
Antworten