Hallo zusammen,
ich möchte euch heute über meinen Erfolgsbericht erzählen und kurz nochmal zusammenfassen, wie es mir früher ging, wo ich jetzt bin und was ich glaube erreichen zu können. Es gab Zeiten, da hatte ich keine Hoffnung mehr, war stark depressiv und dachte, dass ich nie mehr ein normales Leben führen kann. Jetzt sehe ich wieder sehr viel Positives. Ich möchte euch Mut geben, es gibt Hoffnung und sozusagen "ein Leben danach".
Mich begleitet die Paruresis schon seit Kindestagen an. Entstanden ist sie wahrscheinlich aufgrund einer Kombination aus Mobbing in der Volksschule (über Klotrennwände schauen, Rütteln an der Klotüre), Stress von den Eltern oder Freunden (wir wollen weiter, was machst du so lange) und einer OP (Bettflasche mit Krankenschwester daneben, du musst jetzt pinkeln). Aber ganz egal wo es herkommt, es hat mich lange nicht so beschäftigt bzw. habe ich das nicht so stark wahr genommen. Erst mit der Zeit, wo man mit Freunden ausgegangen ist und Schulausflüge vermehrt stattgefunden haben, wurde mir das immer mehr bewusst. Man beginnt Strategien zu entwickeln. Wer ist wann am Klo, könnte noch wer gerade gehen, man darf ja nicht sagen man muss aufs Klo (da sagt immer wer: Ich komme mit!), lieber weniger Trinken oder Wein statt Bier (dann muss man nicht so oft aufs Klo). Aber es war immer noch alles machbar und ich hatte nie das Gefühl, dass es ein allzu großes Problem ist. Auf einmal geht es mir viel schlechter. Ich kann nicht mal mehr zuhause bei meinen Eltern oder bei mir in der WG (nur wenn Musik läuft oder der Mitbewohner schläft). Warum es schlechter wird weiß ich nicht. Damals war ich Student und hatte auch nur wenig Geld. Ein Psychotherapie kann ich mir nicht leisten. Ich habe nicht mal einen Namen für mein Problem. Der Leidensdruck wird immer schlimmer. Auf der Uni verschwinde ich, wenn es gar nicht mehr aushaltbar ist, und suche Orte in der Natur oder geschützte Örtlichkeiten, wo ich mich erleichtern kann. Meine Freunde und soziale Events werden immer mehr gemieden. Ich bin aber ein offener Mensch und liebe meine Freunde und es macht mich fertig. Ich mache immer schlechtere Erlebnisse an denen es nicht geht, werde gefragt wo ich so lange bleibe, entwickle Ausreden. Solange bis es nicht mehr geht. Ich werde depressiv. Oft flüchte ich mich in den Alkohol, der betäubt und dann kann ich wenigsten einigermaßen aufs Klo. Ich fühle mich wie in einem Gefängnis in meinem eigenen Körper. Das war Ende 2013. Ich schrieb in mein Tagebuch:
"Manchmal wünschte ich einen Reset-Knopf. Alles zurücksetzen. Alles von vorne beginnen. Alles anders. Wobei, es gibt nur eine Sache, die ich ändern müsste. Ich warte auf ein neues Leben. Ein Leben, dass ich leben könnte, wie ich will. Ein Leben ohne Einschränkungen."
Ich kann nicht mehr. Ich bin am Boden. Ich brauche Hilfe. Über die psychologische Beratung der Uni werde ich Anfang 2014 an eine Psychotherapeutin vermittelt. Ich bekomme einen sogenannten Modellplatz genehmigt, bei dem ich nur wenig Selbstbehalt habe und mir leisten kann, die Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Ich traue mich nicht andere um Geld zu bitten und bin froh, dass ich es geheim machen kann. Es ist das erste Mal, dass ich mit jemanden über dieses Thema spreche und ein erstes Mal, dass ich einen Namen genannt bekomme: Paruresis. Was für eine Scheiße. Das erste Mal lerne ich, dass es gar nicht meine Schuld ist, dass ich darunter leide. Warum schäme ich mich für etwas, dass mir andere auferlegt haben? Ich lerne viel über mich, meinen Werten und Normen und beginne mich einigen sehr guten Freunden und meiner Familie zu öffnen. Ich erfahre vollstes Verständnis, Liebe und dass auch andere ihr Päckchen zu tragen haben. Manch ein Freund berichtet mir ebenfalls von Problemen beim Wasserlassen. Ich bin nicht allein. Warum spricht man nicht mehr miteinander? Ich komme mir dumm vor, warum ich mich nicht schon früher geöffnet habe, aber man muss am Boden liegen um danach wieder aufstehen zu können (so besingen es ja auch die Toten Hosen). Nach einem halben Jahr läuft mein Modellplatz aus. Wir haben eine Strategie in Anlehnung an den tollen Ratgeber "Lass es Laufen" von Hammelstein erarbeitet. Ich trainiere mit meinen Freunden im stark kontrollierten Umfeld. Es bessert sich etwas. Aber den Schritt in die Realität/Öffentlichkeit schaffe ich nicht. Dann lerne ich meine jetzige Freundin kennen, erzähle ihr von meinem Problem. Sie macht kein großes Ding daraus. Mein Selbstbewusstsein wächst. Ich schließe mein Studium ab und beginne zu arbeiten, lasse das Problem schleifen, kann aber wieder am normalen Leben soweit möglich teilnehmen. Ich versuche mich nicht mehr zurückzuziehen. Ich gehe aktiv raus, auf Veranstaltungen auch wenn es noch nicht normal funktioniert.
Nun kommt ein Zeitsprung von 11 Jahren. Es ist immer noch nicht alles perfekt und eigentlich nervt es mich ein bisschen, dass ich mich nicht dem Thema komplett gewidmet habe. Ich spüre es ist Zeit mich wieder mehr damit auseinanderzusetzen. Ich komme mir feig vor, dass ich das nicht zu Ende geführt habe. Ich besuche das Forum, treffe auf Markus der in der Nähe wohnt. Wir telefonieren. Irgendwo melde ich mich bei einem Newsletter an. Auf einmal kommt eine Einladung zu einem Workshop in Wien. Für mich ist das eine halbe Weltreise. Meine Schwester wohnt dort und ich kann bei ihr übernachten. Markus wird auch dort sein. Das macht es einfacher. Ich melde mich an und bin Anfang November 2025 dabei. Es ist so genial sich mit anderen austauschen zu können. Es macht sogar etwas Spaß und ist lustig. Ich treffe einen ehemaligen Klassenkameraden. Alle Gesellschaftsschichten sind vertreten. Am Anfang bin ich noch etwas angespannt und skeptisch. Uns wird am ersten Abend erzählt was alles gemacht wird. Ich bin nervös - wir sollen üben. Am nächsten Tag gibt es noch eine Einführung. Die Jungs vom Workshop machen das richtig toll. Ich fühle mich gut aufgehoben, es gibt keinen Druck und jeder hat ähnliche Erfahrungen oder erzählt von ähnlichen Verhalten/Muster/Erfahrungen. Die Stimmung ist freundschaftlich. Bei manchen erkennt man im Gesicht, wie sehr sie unter dieser Krankheit leiden. Diese liebe Menschen haben nur das beste verdient, es ist unfair dass sie bzw. dass wir so darunter leiden. Ich habe tiefes Mitgefühl, ich weiß wie schlimm es mir damals vor 11 Jahren ging. Es geht los mit den Training. Wir arbeiten uns langsam an einer Hierarich entlang und erhöhen die Schwierigkeitsstufen gezielt und kontrolliert. Nach einer Trainingssession am Hotelzimmer mit den uns zugeordneten Pee-Buddies werden wir neu in Gruppen aufgeteilt. Zu dritt gehen wir mit einem Workshop-Mitarbeiter raus. Wir gehen zielgerichtet in die nahe Lugner-City, ein großes Einkaufszentrum samt Kino. In unserer Gruppe ist nun das Ziel draußen zu üben. Andere Gruppen machen andere Trainings, je nach persönlichen Schwierigkeiten und Empfinden. Niemand wird unter Druck gesetzt oder muss etwas machen. Ich war in meinem Leben noch niemals zuvor an einem öffentlichen Pissoir mit anderen Menschen. Wir gehen zu der ersten öffentlichen Toilette. Ich versuche mich auf die Übungen und Entspannungstechniken zu konzentrieren, die wir zuvor gelernt bekommen haben, gehe zum Pissoir und pinkle. Mit dem größten Grinsen gehe ich mir die Hände waschen. So was habe ich mir nie zugetraut. Was ist los? Kann ich das etwa doch? Ich kann das erlebte noch kaum einordnen. Wir gehen zur nächsten Toilette. Mehr Fremde Menschen, keine Trennwände, es geht aber wieder. Ich beobachte wie andere Männer, die zum Pissoir gehen wollen uns erblicken und dann im letzten Moment noch auf die Kabine ausweichen. Es geht also vielen so, dass sie in der Anwesenheit andere nicht so gerne nebeneinander pinkeln wollten. Nächstes Klo, noch mehr Menschen, noch weniger Platz. Es geht wieder. Was für ein Erlebnis. Ich könnte fast heulen vor Freude. Wir trainieren noch einige Male. Am nächsten Tag am Westbahnhof. Wir warten bis andere Personen kommen und gehen mit, sind teilweise enttäuscht, wenn diese in die Kabine abbiegen. Wie sich das Blatt wenden kann... Ein Hochgefühl macht sich breit. Ich habe das Gefühl die ganze Welt öffnet sich wieder und ich kann alles, auf das ich verzichtet habe nachholen. Der Abschluss des Workshop bringt neue Perspektiven. Wir reflektieren nochmal das erlebte und planen die nächsten Schritte. Zwei Wochen später stehe ich an einem Trainingstag in Innsbruck in der Vorweihnachtszeit an einem Miniklo im Einkaufszentrum mitten in Innsbruck an (es ist die Hölle los!), gehe zum Pissoir, erledige mein Geschäft und kann es immer noch nicht ganz glauben. ICH KANN DAS! Das Gefühl und die Routine müssen sich noch manifestieren. Ich spreche mit meinem Chef in der Arbeit darüber, mit anderen Freunden und erleben nur Verständnis und Anerkennung für die Schritte und dass ich mich dem ganzen stelle. Rückschläge bzw. Missfires wie man dazu auch sagt, erlebe ich auch. Aber das äußerst selten und ich lege es nicht mehr auf die Goldwaage.
Jetzt heißt es dran bleiben. Ich habe seit dem Workshop nochmal mehr Selbstbewusstsein. Ich habe das Gefühl, mich besser zu kennen, ich weiß was meine nächsten Schritte sind und ich weiß wo ich hin will. Mein Ziel ist, nicht mehr an das Thema (negativ) denken zu müssen, Paruresis als Teil von mir anzuerkennen und es nicht mehr mich beeinflussen zu lassen. Ich mächte mein Leben mit Freude genießen. Ich will anderen helfen. Gemeinsam sind wir stark. Ich war noch nie in meinem Leben an einem Pissoir, jetzt bleibe ich beim Autofahrten auf der Autobahn extra stehen um aufs Klo mit anderen gehen zu können. Ich fühle mich fröhlicher und liebe mich selbst. Mein Leben hat sich jetzt schon so sehr zum Positiven gewandt. Der Workshop war ein Erfolg. Ich empfehle es jeden, egal wie stark die Person unter Paruresis leidet. Für jeden ist etwas dabei, man wächst dabei, lernt tolle Menschen und sich selbst nochmals ganz anders kennen. Es wird noch ein langer Weg, es wird Rückschläge geben, es wird mich lange beschäftigen. Ich fühle mich aber bereit diesen Weg zu gehen. Ich bin dankbar.
Erfolgsbericht Workshop Wien November 2025
Moderator: SimoneH
Re: Erfolgsbericht Workshop Wien November 2025
Hallo David,
schön, von Dir zu lesen, und danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Beim Lesen habe ich mich viel an die Zeit in Wien im Januar erinnert. Ich habe mit der Gruppe auch erst im Lugner Center auf der Kinotoilette trainiert, später auch dort, wo die Restaurants waren. Ich glaube, die Inhaber dieses Centers sind sich nicht bewusst, welche Bedeutung die Kinotoiletten für manche Menschen haben.
Für manche hat es dort angefangen, dass sie sich ihrer Paruresis gestellt haben.
Und ja, irgendwann ist man enttäuscht, wenn man auf die Toilette geht und niemand zum Üben dort ist. Schon allein das ist ein riesiger Schritt nach vorne: „Schade, niemand da.“ Hätte man früher nie gedacht, dass man mal hofft, nicht alleine auf dem Klo zu sein.
Es ist toll zu lesen, welche Fortschritte du machst und was das mit deinem Selbstbewusstsein macht. Ich wünsche Dir, dass du dranbleiben kannst und – wie du schreibst – nun mehr Freiheiten hast. Ich bin nach Wien erst einmal auf ein großes Festival mit vielen Menschen gegangen und war froh, die langen Schlangen vor den Kabinen zu umgehen. Ich bin mir sicher, dir fällt noch etwas Besseres ein, um deine neue Freiheit gebührend zu feiern!
Und teile uns gerne mit, wie es bei dir weitergeht. Viele lesen hier passiv mit, und ich glaube, es hilft ihnen zu wissen, dass Paruresis handelbar ist.
Liebe Grüße und keep going
Marco
schön, von Dir zu lesen, und danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Beim Lesen habe ich mich viel an die Zeit in Wien im Januar erinnert. Ich habe mit der Gruppe auch erst im Lugner Center auf der Kinotoilette trainiert, später auch dort, wo die Restaurants waren. Ich glaube, die Inhaber dieses Centers sind sich nicht bewusst, welche Bedeutung die Kinotoiletten für manche Menschen haben.
Und ja, irgendwann ist man enttäuscht, wenn man auf die Toilette geht und niemand zum Üben dort ist. Schon allein das ist ein riesiger Schritt nach vorne: „Schade, niemand da.“ Hätte man früher nie gedacht, dass man mal hofft, nicht alleine auf dem Klo zu sein.
Es ist toll zu lesen, welche Fortschritte du machst und was das mit deinem Selbstbewusstsein macht. Ich wünsche Dir, dass du dranbleiben kannst und – wie du schreibst – nun mehr Freiheiten hast. Ich bin nach Wien erst einmal auf ein großes Festival mit vielen Menschen gegangen und war froh, die langen Schlangen vor den Kabinen zu umgehen. Ich bin mir sicher, dir fällt noch etwas Besseres ein, um deine neue Freiheit gebührend zu feiern!
Und teile uns gerne mit, wie es bei dir weitergeht. Viele lesen hier passiv mit, und ich glaube, es hilft ihnen zu wissen, dass Paruresis handelbar ist.
Liebe Grüße und keep going
Marco
Re: Erfolgsbericht Workshop Wien November 2025
Solche Workshops lesen sich interessant. Gibt es solche Veranstaltungen häufiger bzw. auch wieder im kommenden Jahr 2026?
Re: Erfolgsbericht Workshop Wien November 2025
Servus,
Ja finden öfters statt. Ich meine sogar dass es eine Warteliste gab, da die Nachfrage recht hoch ist. Hier findest du eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme: https://paruresis.at/workshops/
Ja finden öfters statt. Ich meine sogar dass es eine Warteliste gab, da die Nachfrage recht hoch ist. Hier findest du eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme: https://paruresis.at/workshops/
Re: Erfolgsbericht Workshop Wien November 2025
Hallo an alle, die mitlesen. Hier ein kurzes Update.
Mittlerweile sind knapp 2 Monate seit dem Workshop vergangen. In dieser Zeit gab es 2 Trainingstage in Innsbruck und einen in Kempten. Ein weitere Tag ist in Innsbruck Anfang Jänner/Januar 2026 geplant. Die Trainingstage sind entspannt. Mit meinen Pee-Buddies geht es eigentlich zu 99% immer. Auch in für mich schweren Situationen. Wenn es mal nicht will dann ist das aber auch kein Beinbruch, dann geht es dann das nächste Mal.
Auch die Weihnachtsfeier mit der Firma war so entspannt wie noch nie. Ich fühle mich motiviert und möchte am liebsten jeden Tag trainieren.
Anders ist aber die Situation ohne Pee-Buddie. Hier spüre ich doch eine gewisse Anspannung und ich neige dazu Situationen wieder aus dem Weg zu gehen. Hierbei ist es wirklich eine große Herausforderung sich völlig von seinen Ängsten loszulösen und sich zu Vertrauen.
Die nächste Schritt wird deshalb sein meine Erfolge zu generalisieren, sodass ich mich jederzeit überall entspannen kann. Hier denke ich an einen Trainingstag alleine mit einer entsprechenden Hierarchie.
Wichtig, dran bleiben, sich keinen Kopf machen, mit Freude nach vorne schauen und gelegentlich zurück, was man alles schon geschafft hat.
Euer David
Mittlerweile sind knapp 2 Monate seit dem Workshop vergangen. In dieser Zeit gab es 2 Trainingstage in Innsbruck und einen in Kempten. Ein weitere Tag ist in Innsbruck Anfang Jänner/Januar 2026 geplant. Die Trainingstage sind entspannt. Mit meinen Pee-Buddies geht es eigentlich zu 99% immer. Auch in für mich schweren Situationen. Wenn es mal nicht will dann ist das aber auch kein Beinbruch, dann geht es dann das nächste Mal.
Auch die Weihnachtsfeier mit der Firma war so entspannt wie noch nie. Ich fühle mich motiviert und möchte am liebsten jeden Tag trainieren.
Anders ist aber die Situation ohne Pee-Buddie. Hier spüre ich doch eine gewisse Anspannung und ich neige dazu Situationen wieder aus dem Weg zu gehen. Hierbei ist es wirklich eine große Herausforderung sich völlig von seinen Ängsten loszulösen und sich zu Vertrauen.
Die nächste Schritt wird deshalb sein meine Erfolge zu generalisieren, sodass ich mich jederzeit überall entspannen kann. Hier denke ich an einen Trainingstag alleine mit einer entsprechenden Hierarchie.
Wichtig, dran bleiben, sich keinen Kopf machen, mit Freude nach vorne schauen und gelegentlich zurück, was man alles schon geschafft hat.
Euer David