Von großer Angst zu lockerem Pissen

Zum Eintragen positiver Erlebnisse und Fortschritten

Moderator: SimoneH

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tobin99
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Von großer Angst zu lockerem Pissen

Beitrag von tobin99 » 29. Mai 2021 10:53

Ich heiße Tobi, bin 22 und kenne meine Paruresis schon seit etwa 5 Jahren. Sicher habe ich sie schon länger, kann mich schon sehr früh an paruretische Situationen erinnern. Seit ich 17 bin weiß ich aber, dass ich sie habe, was das ist und, dass ich dieses Problem gerne nicht mehr hätte.

Kabinen sind bei mir kein Problem, falls es etwas still ist brauch ich vielleicht einen Moment länger, aber laufen tut es immer. Am Pissoir jedoch nicht. Ganz alleine alles gut - sobald jemand dabei ist kam nix. Hin und wieder, wenn betrunken, konnte es dann schon sein, dass es auch lief, wenn ich schon begonnen hatte und jemand reinkam und sich neben mich stellte. Jedoch selten.

Ich habe recht bald angefangen, mich den Situationen auszusetzen, jedoch nicht systematisch, sondern hier und da mal und auch nie lange. Jedoch habe ich es so bald geschafft, wenn ich alleine bin komplett frei pinkeln zu können am Stehklo. Auch konnte ich locker weiterpissen, wenn jemand sich dann daneben stellte. Jedoch war das ja eine sehr spezifische Situation und im Club, Unterwegs etc gibt es selten die Möglichkeit zu warten, bis man alleine ist (ohne, dass andere sich wundern, was mit dem komischen Typ eig los ist).

Jedenfalls arbeitete ich weiter an de Exposition und kam immer öfter in Situationen in denen ich am Stehklo stand, Typen neben mir kamen und gingen und gepisst haben aber bei mir kein Tropfen kam. Natürlich war das scheiße unangenehm. Aber letztendlich bin ich irgendwann gegangen, es lief dann doch nach Langem oder ich wechselte schließlich in die Kabine und niemand hat was gesagt.

Ich habe shcon lange nicht mehr an meine Paruresis gedacht, bis ich letzte Woche nachts noch in der Stadt war und mit meinem Kumpel ein alk.freies Bier getrunken habe. Wir machten uns auf den Heimweg, ich hielt jedoch noch bei einer öffentlichen Toilette, weil meine Blase zu voll war, um bis nach hause zu warten. Ich sah vor der Tür vier oder fünf Männer stehen, die sich unterhielten. Sie sagten mir, sie würden alle auf das Klo warten und es gäbe wohl nur zwei Pissoirs. Das Warten dauerte nicht länger als 5 Minuten und dann war ein Pissoir frei und ich war an der Reihe. Hinter mir standen schon mindestens drei weitere Typen, die warteten um zu Pissen.

Ich ging an das Pissoir und neben mir wurde gerade frei und ein neuer Typ stellte sich neben mich. Ich konnte ziemlich entspannt direkt anfangen zu pissen, sogar noch vor meinem Nebenmann, wie ich bemerkte. Ich musste auch sehr lange pinkeln, da ich viel getrunken hatte. Ich war jedoch nüchtern. Wie ich da so stand, neben mir ein anderer pinkelte und hinter uns einige warteten, sich unterhielten... merkte ich, dass genau DAS für mich vor drei vier Jahren noch ein Horror gewesen wäre.
Keine Kabine, keine Trennwand, eine Schlange. Doch ich pisste einfach.
Drück euch allen die Daumen! Falls wer reden mag oder so, gerne Melden, gebe gern Tipps. Ihr packt das!

tobido
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Re: Von großer Angst zu lockerem Pissen

Beitrag von tobido » 20. Juni 2021 21:31

Hallo Tobi!

Danke, dass du deine Erfahrungen hier so ausführlich beschrieben hast! Mir haben solche Berichte voll geholfen, gegen meine Paruresis anzukämpfen. Und deshalb schreibe ich hier jetzt auch einfach mal meine Erfahrungen auf - das wollte ich eh schon ewig gemacht haben und jetzt nehme ich deinen Beitrag mal als Anlass dafür. Denn tatsächlich gibts bei meiner Paruresis-Geschichte ziemlich viele Ähnlichkeiten zu deiner (nicht nur, dass ich auch Tobi heiße ;-) ).

Ich habe das Problem schon seit meiner frühen Jugend. Als erste sehr unschöne Erfahrung kann ich mich noch sehr gut an eine Autobahn-Raststätte erinnern. Ich musste schon im Auto ziemlich doll pinkeln und bin dann direkt auf die Toilette gegangen, in der recht viele Menschen und viele Pissoirs eng beieinander waren. Aber über sowas hatte ich mir bis dahin nie Gedanken gemacht und stellte mich deshalb in die Reihe. Plötzlich ging da aber gar nichts. Ich fand das sehr merkwürdig, denn ich musste ja immer noch extrem nötig pissen. Ich hab mich total geschämt und war mir sicher, dass alle neben mir bemerken, dass bei mir nichts läuft. Der Rest der Autofahrt war schrecklich, weil ich ja immer noch dringend auf die Toilette musste, aber auch nicht wollte, dass meine Eltern sich wundern, wenn ich bei der nächsten Raststätte schon wieder anhalten will.

Seit diesem Erlebnis wusste ich, dass ich Probleme mit dem Pinkeln habe und es war immer belastend für mich. Besonders schlimm wurden Besuche im Fußballstadion, wenn in der Halbzeitpause gefühlt 1000 Männer gleichzeitig in einem WC sind und an jedem Pissoir schon fünf Leute ungeduldig hinter einem stehen. Solche Situationen habe ich seitdem immer vermieden und generell viele Vermeidungsstrategien entwickelt. Wenn ich mit Freunden unterwegs war, habe ich versucht nicht mit ihnen gleichzeitig aufs Klo zu gehen, in öffentlichen Gebäuden wie der Uni habe ich Toiletten auf abgelegenen Fluren gesucht, die möglichst wenig besucht sind. Damit bin ich einigermaßen gut durchs Leben gekommen. Ähnlich wie bei dir, Tobi, konnte ich meistens pinkeln, wenn ich alleine am Pissoir war. Wenn jemand anderes da war, war es unmöglich. Zum Glück hatte ich auch immer die Kabine als sichere Notlösung. Dennoch wollte ich mich damit nicht zufrieden geben und habe mich auch immer ein bisschen dafür geschämt (auch wenn ich natürlich weiß, dass es dafür eigentlich keinen Grund gibt). Besonders demütigend fand ich das bei Festivals, wenn ich mich mit fast ausschließlich weiblichen Besucherinnen in die sehr sehr lange Schlange vor den Dixis stellen musste anstatt einfach ohne Wartezeit an die Pissors zu gehen (wobei diese absolut keine Option für mich waren, vielleicht kennst du diese runden Dinger, bei denen das ganze Festivalgelände beim Pissen zugucken kann :-D).

Vor ca. vier Jahren habe ich zufällig im Internet das erste Mal von Paruresis gelesen und bin auch schnell auf das Forum gestoßen. Für mich war es eine Offenbarung zu erfahren, dass ich nicht der einzige mit diesem Problem bin, dass es dafür sogar einen Namen gibt und dass man etwas dagegen tun kann. Ich habe dann quasi alles zu dem Thema gelesen und mich für das Programm von WeMingo angemeldet. Vor allem habe ich aber angefangen zu „trainieren“. Ich habe es immer und immer wieder probiert und mir immer schwierigere Herausforderungen vorgenommen. Statt abzuwarten, bis sicher niemand mehr auf der Toilette war, bin ich gezielt dann gegangen, wenn jemand anderes da war. Das war schon echt hart. Ich hatte sehr sehr viele Misserfolge, habe aber dadurch gelernt, das auszuhalten. Kleinere Erfolge haben mich motiviert, aber oft wollte ich auch aufgeben.

Irgendwann nach sehr viel Training fühlte es sich dann plötzlich an, als wäre ein Schalter ungelegt worden. Ich hatte immer häufiger größere Erfolgserlebnisse und habe fast ein bisschen Spaß daran bekommen mich zu challengen. Nach einiger Zeit lief es so gut, dass ich mich sogar getraut habe, es im Stadion zu probieren - die Situation hatte ich zu Beginn meines Trainings als Endgegner festgelegt. Und tatsächlich lief es sofort und das obwohl hinter mir etliche Männer ungeduldig warteten und links und rechts von mir alle Pissoirs besetzt waren. Nach diesem Erlebnis habe ich mich getraut mir zu sagen, dass ich meine Paruresis besiegt habe, auch wenn es natürlich immer mal wieder kleinere Misserfolge gibt, mit denen ich aber mittlerweile umgehen kann.

Das war im Februar 2020. Dann kam Corona und seitdem fehlen mir die Situationen, um zu üben. Jetzt wo langsam wieder mehr möglich ist und man somit auch wieder häufiger außerhalb der eigenen Wohnung aufs Klo muss, hab ich tatsächlich etwas Schiss, dass es nach der langen Pause nicht mehr läuft. Vielleicht mache ich demnächst zu dem Thema noch nen Post im Forum, weil mich eure Erfahrungen und Einschätzungen dazu interessieren.

Vielleicht war mein Bericht ja für dich, Tobi, interessant. Und hoffentlich hilft er jemanden und kann euch ermuntern, dass ihr es auch schaffen könnt.

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