Mit welchem Harndrang trainieren

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DavidRe
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Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von DavidRe »

Hallo,

Ich habe mal eine Frage an alle, die mit der Expositionsmethode bzw. mit Pee-Buddies üben.

Prinzipiell wird die Dringlichkeit mit der man auf die Toilette muss von 1 bis 10 eingeteilt, wobei 10 zum Bersten voll ist und 1 überhaupt keine Dringlichkeit bedeutet. Bei dem Workshop in Wien wurde erzählt, dass man ein Training bei einer Stufe 7 starten soll, da hier die Dringlichkeit bereits so groß ist, dass sich schnell ein Erfolg einstellt.

Ich trainiere derzeit recht fleißig, hab aber gerade am Anfang immer das Thema, dass es bei einer 8 oder 9 sein muss um zu funktionieren. Dnn habe ich auch super Ergebnisse. Darunter geht es nur wenn ich schon länger im Trainingsmodus bin oder wenn ich absolut entspannt bin (leider nicht immer abrufbar).

Gestern hatten wir wieder einen Austausch mit den Workshop Leuten und da wurde eher von Training bei Stufe 6 gesprochen. Das schaffe ich zurzeit noch nicht. Mein Ziel derzeit ist mich bei einer hohen Stufe in jeder Toilettensituation entspannen zu können. Sollte das gut abrufbar sein, traue ich mich erst mit der Hierarchie, also mit der Dringlichkeitsstufe, nach unten zu gehen.

Wie ist das bei euch? Mit welcher Stufe trainiert ihr?
Tommy234
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Beiträge: 18
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Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von Tommy234 »

Unterschiedlich, von 1-7 alles dabei.
Marco87
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Beiträge: 23
Registriert: 28. Januar 2025 13:44

Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von Marco87 »

Hi David,

schön, dass du bei den Onlinemeetings dabei bist. Ich bin am Donnerstagabend auf der Couch eingeschlafen. :lol:

Erst einmal Glückwunsch zu deinen Erfolgen. Dass du nach dem Workshop dranbleibst und Fortschritte machst, ist echt stark.

Zu deiner Frage:
Am Anfang habe ich auch zwischen 7–10 gebraucht, damit überhaupt etwas lief. Und manchmal verschätzt man sich auch. Die Blase ist während des Trainings bei mir manchmal so gereizt gewesen, dass ich dachte, ich bin bei einer 8 – und dann musste ich doch gar nicht so dringend pinkeln.

Ich habe jetzt ca. 1 Jahr mit voller Blase trainiert. Ein Spaß war das nicht, immer wieder mit voller Blase durch die Gegend zu laufen und darauf zu warten, dass man die „7“ erreicht.

Das Problem ist: Dieses Training ist zwar gut, um sich auf seinem Level zu stabilisieren und Fortschritte zu erzielen, allerdings für den Alltag nicht sonderlich praktikabel. Manchmal muss man halt aufs Klo gehen, wenn gerade eines da ist – unabhängig davon, wie hoch der Blasendruck gerade ist.

Aktuell trainiere ich deshalb mehr im „Low-Urge“-Bereich. Da versuche ich, zwischen 3–6 zu bleiben. Der Blasendruck ist zumindest subtil spürbar. Das Training ist für mich herausfordernd, da man am Urinal seine längere Latenz aushalten und länger „cool“ bleiben muss. Zumindest bei mir ist es so, dass es nicht nach einem Mal tief Durchatmen sofort beginnt zu laufen. In der Vergangenheit wäre ich ab da wieder in Panik ausgebrochen – und nichts würde mehr laufen.

Ich muss aber auch aushalten, dass es dann halt mal nicht oder nur sehr schleppend läuft, weil ein Druck von 3 zwischen zwei Männern vielleicht doch dann zu niedrig war.

Ich denke, dass es ein guter Zeitpunkt ist, mit dem „Low-Urge“-Training zu starten, wenn man mit hohem Druck auch in herausfordernden Situationen pinkeln kann und sich ein gewisses Selbstbewusstsein aufgebaut hat, sodass ein Missfire einen nicht komplett aus der Bahn wirft. Außerdem kann ich mittlerweile meinen Harnröhren- bzw. Blasenmuskel recht gut ansteuern und sozusagen „die Schleusen öffnen“. Ich bin aber wirklich kein Experte und rate die meiste Zeit selbst, was der nächste sinnvolle Schritt für mich ist. Ich denke nicht, dass das für alle passt, was ich hier geschrieben habe.

Liebe Grüße und keep going!

Marco
FreeMind
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Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von FreeMind »

Wenn man Paruresis primär als bedingten Reflex betrachtet, dann muss man diesen Reflex verlernen, um wieder ungestört pinkeln zu können. Ich verzichte hier mal auf die Beschreibung sekundärer Trigger-Effekte, die mindestens genauso wichtig sind, aber getrennt berachtet werden sollten, um diesen Beitrag übersichtlich zu halten.

Nun, dieser bedingte Reflex ist aus meist unbekannten Erfahrungen hervorgegangen, die unterbewusst verarbeitet wurden und dann zu diesem lästigen Eigenleben unserer Blasenfunktion führten. Wir wundern uns nur, warum wir in der Nähe anderer nicht pinkeln können.

Um diesen lästigen Reflex, über den wir ja keine bewusste Kontrolle haben, wieder loszuwerden, müssen wir nur immer wieder die Erfahrung machen, dass keinerlei Gefahr besteht, wenn wir in Gegenwart anderer pinkeln. So wird dieser erlernte Reflex nach und nach geschwächt um dann (hoffentlich) irgendwann völlig zu verschwinden. Das geschiet auch wieder durch unbewusste Prozesse!

Um ein gesundes Verhalten zu erlernen, sollten die nicht von Paruresis Betroffenen unser Vorbild sein. Für sie ist Pinkeln reine Routine, die ohne Nachdenken erledigt wird. Sie gehen ans Urinal und denken über vieles nach, aber wohl kaum über andere Männer, die nicht gleich pinkeln können.

Was will ich damit sagen? Aus meiner Sicht, sollte man immer so üben, dass man eher unterfordert ist. Das gilt für die Auswahl der Übungsumgebung genauso, wie den notwendigen Blasendruck. Nur so kann man einigermaßen entspannt üben.

Wenn man Pinkeln aber zum "Leistungssport" macht, kann man die Situation nie als gewöhnliche Alltagssituation erleben. Genau das ist aber notwendig, um dem Unterbewusstsein zu signalisieren, dass hier alles in bester Ordnung ist. Das ist die wichtigste Vorraussetzung, diesen bedingten Reflex zu schwächen, um dann die Paruresis möglichst ganz loszuwerden.

Was meint ihr dazu?
DavidRe
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Registriert: 8. November 2025 13:17

Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von DavidRe »

Wenn man Pinkeln aber zum "Leistungssport" macht, kann man die Situation nie als gewöhnliche Alltagssituation erleben.
Genau so sehe ich es aber gerade am Anfang. Es ist wie im Sport. Ich lerne einfache Abläufe langsam und wiederholt, bis mein Hirn sich mit dem Muster vertraut macht und die Abläufe automatisiert funktionieren. Das funktioniert nur bei einer volleren Blase. Wenn das gut läuft dann kann ich mit dem Harnstang etwas spielen und kontinuierlich nach unten gehen.
Um ein gesundes Verhalten zu erlernen, sollten die nicht von Paruresis Betroffenen unser Vorbild sein. Für sie ist Pinkeln reine Routine, die ohne Nachdenken erledigt wird. Sie gehen ans Urinal und denken über vieles nach, aber wohl kaum über andere Männer, die nicht gleich pinkeln können.
Und genau da sehe ich die Krux. Jmd ohne Paruresis geht ja normalerweise auch nur dann aufs Klo wenn er muss, also sicher mal mit Stufe 5 oder 6 und nicht drunter. Ich muss erst wieder lernen wann ich wirklich aufs Klo muss. Ich bin jetzt über 30 Jahre aufs Klo wenn ich konnte und nicht wenn ich musste. Jetzt heißt es wieder zu lernen: Wann muss ich den eigentlich wirklich?
Marco87
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Beiträge: 23
Registriert: 28. Januar 2025 13:44

Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von Marco87 »

Hi Freemind,

wenn Pinkeln olympisch wird, sag mir Bescheid. Wir beide machen dann die Kommentatoren! :lol:

Du hast recht, dass es nicht zu einem Wettkampf kommen darf und im Forum jeder danach schaut, wer wie weit ist.
Das wird uns auch in den Workshops gesagt: Es geht nicht darum, sich gegenseitig zu überbieten. Derjenige, der versucht, mit niedrigem Blasendruck klarzukommen, kämpft den gleichen Kampf wie derjenige, der versucht, zu Hause im Bad zu pinkeln, während Freunde einen Raum weiter sind.

Die Perspektive der „Nicht-Paruretiker“ einzunehmen, finde ich richtig – aber es ist unheimlich schwer. Das hat zumindest bei mir mit meiner Sozialisation zu tun. Ich habe nie gelernt, das Urinal selbstverständlich zu benutzen. Und als ich dann Jugendlicher war, wollte ich es nicht mehr lernen.

Nicht-Paruretiker haben es von klein auf gelernt, ans Urinal zu gehen, und nehmen das als völlig normal wahr. Sie deuten die Situation auf der Toilette anders als ich. Für sie ist das Normalität und nichts Besonderes – für mich war es lange Gefahr und Unbehagen … und damit eben doch etwas Besonderes.

Ein Teil unserer Aufgabe ist es – denke ich –, die Situation auf dem WC neu zu deuten. Manchmal gelingt mir das gut, manchmal weniger, weil dann doch ein Trigger auftaucht, auf den ich nicht vorbereitet war oder der sich noch immer bedrohlich anfühlt.

Liebe Grüße

Marco
FreeMind
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Registriert: 26. Mai 2025 21:02
Wohnort: Hannover

Re: Mit welchem Harndrang trainieren

Beitrag von FreeMind »

Hallo Marco87, hallo DavidRe,

natürlich ist aller Anfang schwer. Ich wollte eigentlich nur meine Gedanken und Überlegungen zum möglichst effizienten Üben teilen. Üben, kann immer nur eine Simulation sein, denn man begibt sich notgedrungen in eine unnatürliche Situation, in der die „normale“ Toilettensituation nachgeahmt werden soll.

Paruresis kann bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Symptome haben, aber man kann es im Prinzip in 2 Bereiche aufteilen. Zum einen (primär) der bedingte Reflex, zum anderen, zusätzliche (sekundäre) Trigger.

Man hat irgendwann eine Angstreaktion erworben, was unbewusst passiert. Ein Erlebnis, dass im Zusammenhang mit dem Pinkeln steht und das vielleicht gar nicht so gravierend erlebt wurde (und längst vergessen ist), wird unterbewusst verarbeitet. Daraus kann sich eine unbewusste Angstreaktion entwickeln. Jedes Mal, wenn man jetzt „ungeschützt“ mit anderen am Urinal steht und pinkeln will, wird dieses Programm (Paruresis) gestartet. Man erlebt einen gewissen Erregungszustand, die Sinne sind geschärft und man fängt an, sich auf die Umgebung zu fokussieren.

An dieser Stelle kommen zusätzliche Trigger ins Spiel. Man achtet z.B. darauf, ob andere bereits pinkeln, während bei einem selbst nichts läuft. Daraus folgt der irrige Gedanke, dass andere einen genauso intensiv beobachten würden und ihr negatives Urteil fällen, z.B. „so ein Looser“… Man ist beschämt, was die Blockade dann komplett macht. :oops:

Diese sekundären Trigger kann man durch Umdenken entschärfen, also der Anpassung des eigenen Denkens an seine eigenen Bedürfnisse und an die Realität („keine Sau interessiert sich für Dich“). Das ist die Domäne der Verhaltenstherapie.

Der bedingte Reflex, wurde schon vor langer Zeit, von Pawlow mit seinen Hunden erforscht. Die Hunde erhielten Futter, während gleichzeitig eine Glocke geläutet wurde. Nach einiger Zeit, entwickelte sich bei den Hunden Speichelfluss sobald die Glocke ertönte, auch wenn es kein Futter gab! Nachdem die Hunde jedoch mehrere Male kein Futter bekamen, wurde dieser bedingte Reflex wieder ausgelöscht. Allerdings trat der Speichelfluss nach einiger Zeit gelegentlich wieder auf, sobald geläutet wurde. Dieser Effekt verschwand aber mit der Zeit auch irgendwann.

Auch wenn der Mensch komplizierter ist, ist die Grundlage für das Auslöschen bedingter Reflexe die Gleiche und darum sind Rückschläge völlig normal und quasi unvermeidbar!

Darum bin ich der Auffassung, dass man beim Üben nicht übermotiviert sein sollte, sondern versuchen sollte, möglichst entspannt zu bleiben. Der auslösende Reiz ist dann geringer und wird bestenfalls sogar ausgefiltert und dann läuft’s wie von selbst... :)

Man löscht die Paruresis also am besten aus, indem man sich eher unterfordert und das dann so, immer wieder mit Geduld übt. Wenn man am Urinal zu sehr gestresst ist, nimmt man das als gefährliche Situation wahr und die Paruresis wird so aufrechterhalten.
Ich hoffe, das war jetzt besser verständlich… (Oje, das war lang... :wink: )

@DavidRe: Ich würde vor dem Üben so viel trinken, dass Du schon häufig pinkeln musst. Wenn es beim Üben nicht gleich klappt, wartest Du eben etwas und probierst, bis Du beim Üben pinkeln kannst. Dann stoppst Du nach ein paar Sekunden und kehrst nach kurzer Zeit zum Üben zurück. Keep on drinking... Ich vermute, Du beobachtest Deinen Blasenfüllstand unentwegt. Brauchst Du aber nicht, wenn Du lernst, dass Du überall Gelegenheiten zum Pinkeln findest. Das wird sich mit der Zeit normalisieren.

Viele Grüße
-freemind-
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