Übung und Expo stationär

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Serfling01
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Übung und Expo stationär

Beitrag von Serfling01 » 12. April 2018 10:24

Hallo an alle
wie bereits angekündigt möchte ich Euch von den Vorgehensweisen in der stationären kognitiven Verhaltenstherapie berichten. Wenn Euch Tagesablauf, Therapieaufbau und Gruppenzusammensetzung interessieren, schaut Euch meine anderen Beiträge an. Heute geht es um Exposition und Übung.

Am Anfang von Übung und Exposition steht die sogenannte Zielescala. Diese Scala soll Schritt für Schritt wiedergeben, über welche Stufen Du Dein Endziel erreichen könntest. Jede einzelne Stufe ist dabei natürlich schon ein kleines Ziel. Bei jedem Paruretiker kann diese Scala anders aussehen. Bei dem einen ist es das sich-beobachtet-fühlen bei der anderen das Geräusch. Manchmal weiß man einfach auch gar nicht, was schwieriger ist: Wenn ein paar Arbeitskollegen bei einem Meeting auf einen warten oder wenn man in Sichtweite auf eine Wiese pinkeln muss, während die Freunde entspannt ein Picknick machen. Wenn ihr das nicht so genau wisst, ist das nicht so schlimm. Spätestens bei den Übungen bekommt ihr heraus was schwieriger ist. Jedoch sollte die Scala einigermaßen fein abgestuft sein, denn anhand dieser wird der Übungsplan erstellt.

Wenn ihr die Scala fertig habt, wird sie in jedem einzelnen Punkt mit dem Therapeuten besprochen, damit es keine Missverständnisse gibt. Gemeinsam wird dann versucht ein Übungsscenario zu entwickeln, welches den aufgeschriebenen Zielen (Situationen) am nächsten kommt. Danach wird ein Übungsplan erstellt.
Außerdem werden die Rahmenbedingungen besprochen:
Welche Toilette, Patient bestimmt Geschwindigkeit und Wiederholungsanzahl, Strahl aufhalten, damit mehrere Übungen nacheinander machbar sind, Zwischenbesprechungen, Blasendruck, Vorgehensweise wenn jemand anderes in die Toilette kommt etc.
Da nicht klar ist, wie schnell man sich bei den Übungen entwickelt, einigt man sich auf erste Schritte. Bei mir sahen die wie folgt aus:
1 - Therapeut sitzt vor Stationstoilette und wartet, Toilettentür geschlossen, ich am Urinal – nach kurzer Besprechung vor Toilette, Wiederholung (alle Übungen werden so oft wiederholt wie Du willst)
2. Gleiche Situation nur Toilettentür steht offen mit Unterhaltung - Wiederholung ohne Unterhaltung
3. Therapeut kommt herein, wenn ich schon beim Pinkeln bin und bleibt im Vorraum stehen - Wiederholung 1x
5. Ich auf Kabine, Therapeut vor der Kabinentür mit Unterhaltung – Wiederholung ohne Unterhaltung
6. Ich am Urinal, Therapeut im Vorraum am Waschbecken mit Unterhaltung – Wiederholung ohne Unterhaltung
7. Ich am Urinal, Therapeut hinter mir auf Sichtkontakt mit Unterhaltung – Wiederholung ohne Unterhaltung

Bis hierhin bin ich am dritten Übungstag gekommen (Alles in allem waren das 17 Einzelübungen, da ich an jedem Übungstag wieder mit der letzten Übung des Vortages begonnen habe. Was das für eine Freude war, könnt ihr Euch vorstellen. Es steht direkt jemand hinter mir und ich kann pinkeln. Unglaublich.

Ab diesem Punkt haben wir einen zweiten Peebody eingeschaltet, einen eingeweihten Betreuer von Station, damit ich fast jeden Tag üben kann. Mit diesem habe ich an Punkt zwei angefangen. Und bin jetzt soweit, dass er direkt neben mir am Urinal steht und ich neben ihm pinkeln kann, ohne dass wir uns unterhalten. Insgesamt waren das bisher 6 Übungstage und 21 Einzelübungen. (d.h. bei der zweiten Person ging alles viel schneller)

Zeitgleich mit den Übungen findet die Exposition statt. Das heißt die Konfrontation mit der Angst. Dazu wird gemeinsam mit dem Therapeuten ein Expositionsvertrag aufgesetzt, der wieder nach Schwierigkeit gegliedert ist.
Mein Vertrag beinhaltet sinngemäß folgende Punkte:
Ohne Druck auf der Blase öffentliche Toiletten besuchen und folgende Dinge tun:
1. Mich ans Urinal stellen und warten bis ein Mann hereinkommt und wieder geht
2. Mich ans Urinal stellen, wenn schon einer steht und warten bis ein nächster kommt und wieder geht
3. Mich ans Urinal stellen und warten bis mehrere gekommen und gegangen sind
4. Ungeachtet der Anzahl der Besucher immer länger aushalten (am Ende bis 20 min)
5. Mich bewusst zwischen zwei bereits am Urinal stehende Männer stellen und warten bis beide gegangen sind
6. Die Übungen auf verschiedenen Toiletten wiederholen
7. Mehrmals die Position im Raum während einer Übung verändern
Die Übungen dürfen nicht vorzeitig abgebrochen werden.

Die Übungen müssen unabhängig von meiner Tagesform zwei Mal täglich ausgeführt werden.
Die Übungen dürfen niemandem verraten werden (Das nimmt sonst den Druck raus).
Ich darf mich nicht selbst beruhigen oder ablenken (Auch das nimmt den Druck raus).
Ich bespreche meine Vorgehensweise, Erkenntnisse und meine Veränderung mit dem Therapeuten.
Zu jeder Übung fertige ich ein Situationsprotokoll an.

Ich habe bis jetzt 25 Übungen auf unterschiedlichen Toiletten durchgeführt. Meine längste Übung (Zeit am Urinal) waren 15 min. Bei dieser Übung waren insgesamt 14 Männer an den anderen Urinalen (max. 4 zur gleichen Zeit) und 8 in den Kabinen. Dazu kam der zweimalige Besuch der Putzfrau, welche die Kabinen säuberte.
Meine bisherigen Erkenntnisse:
Es interessiert niemanden, nicht mal die Putzfrau, ob ich hier stehe. Also war meine bisherige Angst beobachtet zu werden, völlig unbegründet.
Es gehen viele Männer auf die Kabine, nur um zu pinkeln.
Meine Angst nimmt mit jedem Training immer mehr ab. Mittlerweile schweifen meine Gedanken zuweilen einfach ab, weil es mir langweilig wird. Das war das Ziel.

Natürlich gibt es immer noch heikle Situationen: So etwa, wenn sich ein besoffener Typ in Tarnanzug direkt neben mich stellt, obwohl alle anderen Urinale noch frei sind und mich auch noch anstarrt. Aber auch der ist einfach gegangen.
Oder ein Vater steht vor einer Kabine direkt hinter mir und wartet bestimmt 5 Minuten auf seinen Sohn, der ewig nicht fertig werden will.
Ein anderer Paruretiker? steht sehr lange am Urinal und kann nicht Wasser lassen. Er geht nach 3-4 Minuten in die Kabine und pinkelt dort.
Ok. Solche Situationen sind unangenehm. Aber am Ende passiert gar nichts. Keiner lacht, keiner spricht mich an und ich falle nicht in Ohnmacht. Das nimmt immens den Druck raus und scheint sich damit auch auf das Training auszuwirken.

Neben den genannten Expos gibt es auch noch besondere Situationen. So z.B. eine lange Wanderung mit der Therapiegruppe, in der ich mich mehrmals in die Situation begeben muss, pinkeln zu gehen. Dabei sollte ich die anderen besonders lang auf mich warten zu lassen. (Ohne dass die wissen, dass dies meine Expo ist). Auch das macht etwas lockerer, denn niemanden interessiert es wirklich.

Ok, das war eine lange Geschichte. Ich hoffe, ich konnte auch bei Euch ein wenig den Druck herausnehmen. Ich gehe jetzt zum Pinkeltraining und habe hoffentlich meinen nächsten Erfolg.
An dieser Stelle werde ich weiter berichten, wie Expo und Übung sich entwickeln.

Alles Gute bis zum nächsten Mal

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