"Läuft bei dir! - Nope!" - Meine Geschichte

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teemoh
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"Läuft bei dir! - Nope!" - Meine Geschichte

Beitrag von teemoh » 16. Februar 2018 15:27

Hey Leute,

es war längst überfällig, mich hier im Forum zu registrieren. Im Folgenden möchte ich meine persönlichen Erfahrungen mit der Paruresis mit euch teilen. Die Blasenentleerungsstörung ist bei mir sehr ausgeprägt, aber ich habe über die Jahre gelernt, relativ offen damit umzugehen. Deshalb möchte ich mich auch nicht selber bemitleiden, sondern meine Erfahrungen mit euch teilen.

Zu meiner Person:

Ich bin männlich, 25 Jahre alt und derzeit Student. Ich würde mich selbst als offen und grundsätzlich auch unternehmungsfreudig beschreiben, aber das gerade letzteres für uns häufig ein Problem darstellt, wisst ihr ja.

ParuWAS?

Den Ausbruch der Paruresis kann ich nicht mehr genau bestimmen.
Die letzten dunklen Erinnerungen, als ich noch in der Lage war, an einem Pissoir zu urinieren, liegen bei Clubbesuchen mit etwa 17. Dementsprechend begleitet mich die Paruresis nun schon seit knapp 8 Jahren. Den Grund dafür kann ich nicht festmachen. An ein einschneidenes (Kindheits-)Erlebnis, wie es teilweise beschrieben wird, kann ich ich nicht erinnern. Meine Vermutungen liegen darin, dass ich aufgrund mangelnden Selbstbewusstseins (Ist er zu klein?) angefangen habe, das Urinieren neben anderen Männern zu vermeiden. Diese Selbstzweifel sind mittlerweile längst aus der Welt, die Paruresis hatte sich ab bereits festgesetzt.
Da eines meiner liebsten Hobbies damals Videospiele waren und ich nicht so häufig unterwegs war, hatte ich mir zunächst gar nicht so viele Gedanken um das Thema gemacht, schließlich lief es dann meistens auf den Kabinen. Erst, als auch hier Probleme auftraten und ich meiner Mutter davon schilderte, begann sie die Symptome zu googlen und stieß auf den Begriff 'Paruresis'. Ab da war mir auch bewusst, dass es für mein Problem einen Namen gibt.

Die Ausprägung meiner Paruresis

In den mittlerweile 8 Jahren habe ich zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich kann ich sagen - Pissoirs in Gegenwart anderer? Keine Chance. Selbst wenn ich der Einzige auf der Toilette bin, erschweren die Gedanken, dass ja jemand reinkommen könnte erheblich die Entspannung. Ich suche im Regelfall eh direkt den Weg in die Kabine. Aber auch die Kabine ist für mich kein sicheres Ding - Faktoren wie die Anzahl der Kabinen, die Ausstattung (z.B. offene Trennwände), die Anwesendheit anderer Personen oder die Geräuschkulissen bestimmen den Erfolg. Leider gilt das nicht nur für öffentliche Toiletten, sondern häufig auch in privaten Haushalten. Je näher die Toilette am Geschehen ist, desto schwerer fällt es mir meistens. Für ein wenig Entspannung sorgt bei mir häufig die Nutzung des Smartphones - aber auch das ist kein Erfolgsgarant.

Natürlich hat die Paruresis enorm mein Sozialleben eingeschränkt. So war ich früher z.B. sehr gerne im Fussballstadion. Heute quasi ein Ding der Unmöglichkeit. Aber natürlich lässt sich die Einschränkung auch auf weniger spektakulärere Aktivitäten runterbrechen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Angebote ich, häufig mit Ausreden, abgelehnt habe. Und ja, man merkt natürlich, dass man beginnt sich selber zu isolieren, wenn man mal wieder nicht mitreden kann.
In meinem Ranking der beschissensten Erlebnisse mit der Paruresis stehen unter anderem zwei Fussballauswärtsfahrten (mehrstündige Bus- bzw. Bahnfahrten) sowie das frühzeitige Verlassen meines eigenen Abiballs, samt Familie. Das krasseste Erlebnis war im Sommer 2016. Ein eigentlich entspanntes "Vorglühen" mit gerade einmal 4 Leuten, in der eigenen Wohnung, hat mir den schlimmsten Tag beschert. Obwohl ich nicht mehr mit zu der Party gegangen bin und irgendwann komplett alleine in der Wohnung war, war ich so dermaßen verspannt, dass ich mir nur noch durch das Rufen eines Krankenwagens zu helfen wusste. Im KH wurde meine Blase mithilfe eines Katheters dann künstlich entleert. Der behandelnen Ärztin war die Paruresis übrigens nicht bekannt.

Meine Anstrengungen zur Bewältigung

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Paruresis begann für mich mit dem Ratgeber von Dr. Philipp Hammelstein. Es half mir mehr Verständnis für die Zusammenhänge zu gewinnen und zeigte mir deutlich, dass es keine biologischen Ursachen sind, sondern bei mir reine Kopfsache ist. Das Selbsthilfeprogramm habe ich selber nie begonnen.
Um in den Tritt zu kommen, habe ich den Weg zu einem Psychologen gesucht, der das Problem vorher noch nicht wirklich kannte. Man muss ihm zu Gute halten, dass er sich intensiv damit beschäftigt hat. Unterm Strich blieb es aber nur bei Gesprächen und es scheiterte erneut an mir, die aktive Konfrontation zu suchen. In den ca. 1,5 Jahren Behandlung irgendwann um 2014 /15 rum, bin ich dann erstmals von Zuhause weggezogen und habe entsprechend auch die psychologische Betreuung aufgegeben. Ich habe mich also erstmal wieder durch den Alltag geschlagen. Immer verbunden mit Hoch- und Tiefphasen. Wobei ich die Hochphasen als Zeiten definieren muss, in denen es in Kabinen nahezu immer läuft. Über die Jahre habe ich gelernt, mich einfacher und schneller Leuten anzuvertrauen. Dies sind im Regelfall enge Freunde, mit denen ich mehr zu tun habe. Die Gewissheit, dass die Leute, die mich begleiten von der Paruresis wissen, erleichtert es mir häufig auch etwas.

Nachdem ich die Paruresis erstmal wieder auf die lange Bank geschoben habe, wurde mir zufällig die von Johannes geschaltete Facebook-Werbung zu WeMingo angezeigt, die mir eine Auseinandersetzung mit dem Problem wieder bewusst machte. Seit dem Erstkontakt im Juni 2016 stehen wir immer mal wieder in Kontakt. Die Auffrischung des Forums hier, hat mich deshalb sehr gefreut.
Natürlich habe ich auch das Selbsthilfeprogramm begonnen, gestehe aber ehrlich, dass es aktuell eher wieder an meinem Vermeidungsverhalten scheitert. Ich brauche einfach den A*-Tritt mich der Konfrontation zu stellen.

Über ein anderes Problem bin ich nun auf eine weitere Hoffnung zur Bewältigung gestoßen. Nach einer Rundmail der psychologischen Fakultät meiner Universität, zum Thema Prokrastination (=extrem ausgeprägtes Aufschieben von Aufgaben), habe ich im Erstgespräch nicht nur Hilfe zur Prokrastination gesucht, sondern mich auch gleich mit der behandelnden Psychologin über die Paruresis unterhalten. Ersteres behandle ich in in den kommenden Wochen in einer Gruppentherapie. Ich hege hier ein wenig Hoffnung, dass ich durch weniger Aufschieben auch ein wenig die Vermeidung der Konfrontation in den Griff bekomme. Zum Thema Paruresis wurde ich auf die Warteliste für eine Verhaltenstherapie gesetzt. Die Wartezeit soll bei etwa 4 Monaten liegen und Paruresis wurde dort auch bereits behandelt. Ich bin hier sehr gespannt und werde euch über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten!

Sorry, für diese Wall of Text. Aber ich habe mir für die Registrierung hier vorgenommen, meine Geschichte hier ordentlich und detailliert zu zeichnen. Leider kann ich hier - noch nicht - von großen Erfolgen und Hoffnungen berichten, aber ich hoffe, dass ich so manchem von euch durch meinen offenen Umgang damit, ein paar Ängste nehmen kann.

Ich freue mich auf den Austausch mit euch und werde mich natürlich auch in anderen Themen beteiligen.

Beste Grüße
Timo

Alex Beisenherz
Medizinischer Experte
Beiträge: 66
Registriert: 9. März 2018 16:19
Wohnort: Mechernich/Eifel

Re: "Läuft bei dir! - Nope!" - Meine Geschichte

Beitrag von Alex Beisenherz » 31. März 2018 18:37

Hi Timo,

vielen Dank für diese ausführliche Vorstellung. Deine Leidensgeschichte stimmt ein wenig traurig, aber ich finde die Art und Weise, wie du sie schilderst total lebhaft und mutig.
Hier regelmäßig reinzuschauen ist doch schon mal ein guter Start! Wenn du an dem Thema dranbleibst und viel probierst, reflektierst und austauscht, wirst du sicherlich Fortschritte machen.
Das Prokrastinationsprogramm der Uni Münster kenne ich übrigens auch. Ich halte die Leute dort für sehr kompetent. Viel Erfolg dabei!
Prokratstination hat ja auch immer was mit Ganz oder Gar nicht zu tun (Perfektionismus). Ich bin sicher, dass dir der Weg der kleinen Schritte, der in Münster vermittelt wird um die Prokrastination zu überwinden, auch bei der Überwindung der Paruresis helfen wird.

Alles Gute,
Alex

P.s. wie allen schwerer Betroffenen bzw. solchen, die schon mal einen Harnverhalt mit Katheternotwendigkeit aufgrund der Paruresis hatten, würde ich dir auch das Erlernen der Breath-Hold-Methode empfehlen. Leider ist diese Methode, hier im deutschen Forum, weniger verbreitet als im amerikanischen Paruresisforum, wo sie zig Usern geholfen hat, das Problem mit relativ wenig Aufwand zu überwinden.
Alex Beisenherz
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
ärztlicher Psychotherapeut
Verhaltenstherapie, EMDR

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