Therapie gemacht

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Moderator: SimoneH

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hello
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Therapie gemacht

Beitrag von hello » 6. März 2020 20:59

Hi!

Ich hatte eigentlich seit ich etwa 10 bin Probleme auf das Pissoir zu gehen. Es ist mir bis heute nicht ganz klar, was der eigentliche Grund war aber da gab es sicher ein paar Schlüsselereignisse. Jahrelang habe ich es dann so gehandhabt, dass ich im Sitzen zum Klo gegangen bin. Es sei denn niemand anders war da und ich habe mich hingestellt. Falls jemand reinkam und ich noch nicht angefangen habe, habe ich sofort aufgehört, gespült und so getan, als wäre alles ganz normal. So in etwa ist es jahrelang weitergegangen, rückblickend war ich geübt und routiniert darin geworden dieses Verhalten aufrecht zu erhalten. Irgendwie kam es auch mir auch nicht besonders stressig vor.

Die Stadt in der ich gewohnt hatte war zwar groß genug um eine Universitätsstadt zu sein, aber die Toiletten waren meist geräumig, selbst wenn ich irgendwo ausgegangen bin. Etwas problematisch wurde es höchstens manchmal in etwas alternativeren und kleineren Läden, aber das kam dann auch nicht so oft vor, und irgendwann gab es dann doch immer einen "Zeit-Slot", in dem ich dann in Ruhe zum Klo konnte. Zur Not konnte ich ja noch immer so tun, als müsste ich ein großes Geschäft machen. :D

Später bin ich dann wegen der Arbeit in eine andere Stadt gezogen, dort ging es so in etwa weiter. Richtig problematisch wurde es aber als ich nach Berlin gezogen bin. In vielen der interessanten Ausgehmöglichkeiten gibt es entweder sehr kleine Toiletten (gerne ist dann eine auch "Out-of-Order") oder es gibt viele aber alle sind besetzt, alleine auch weil viele Leute Drogen auf dem Klo nehmen. So hat es sich dann ergeben, dass ich oft nicht mitgekommen bin, wenn Leute rausgegangen sind - oder plötzlich verschwunden bin weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Dementsprechend hatte das auch große negative Auswirkungen auf mein soziales Umfeld und meine Freizeitgestaltung hat sich sehr geändert - selten Club, häufiger Kneipen, wenn möglich, oder am besten ganz was anderes.

So hatte ich mich dann auch irgendwann dazu entschieden etwas zu tun. Auch basierend auf einem Buch und diverser Guides, die man in Sachen Paruresis findet, habe ich versucht mich selbst zu "desensibilisieren". Das habe ich dann trainiert in Parks und öffentlichen Toiletten. Einen "Quantensprung" gab es dann, als ich eines Tages mal mit dem Auto zu meinem Geburtsort gefahren bin, viel unterwegs getrunken habe und an diversen Raststätten auf dem Pissoir zum Klo gegangen bin. Das war echt anstrengend, der erste Versuch hat schlappe 3 Minuten gedauert - die ganze Zeit stand jemand neben oder hinter mir. Aber so konnte ich dann nach über 20 Jahren endlich noch einmal auf einem Pissoir pinkeln, ohne alleine zu sein.

Vom Erfolg geblendet habe ich versucht das weiter zu treiben, über einen Zeitraum von 1-2 Jahren, aber ich bin eigentlich nie an den Punkt gekommen, dass ich mit sagen wir mehr als 50% Wahrscheinlichkeit in annehmbarer Zeit auf einem Pissoir pinkeln kann. Hinzu kamen dann noch andere Probleme, die sich aus anderen Gründen u.a. durch mein soziales Umfeld und mein Berufsleben entwickelt haben. So hatte ich dann den Entschluss gefasst eine Psychotherapie zu machen. Das hätte mich früher viel Überwindung gekostet, aber der Gedanke ging mir über die Jahre immer wieder durch den Kopf, aber ich hatte in den letzten Jahren auch Leute kennengelernt, die eine gemacht hatten und ich bin an einen Punkt gelangt, wo ich mein Leben nicht mehr wirklich unter Kontrolle hatte.

Was die Paruresis anging, war ich an einem Punkt; wenn ich in einer Kneipe oder bei Freunden zum Klo musste, habe ich mich in ein Nervenb¨ündel verwandelt. Hinzu kam auch noch, dass durch diesen ganzen Stress manchmal kleine Urinflecken in meiner Hose landeten :/

Die Therapie hatte ich jedenfalls privat gezahlt, es war einmal wöchentlich, ich glaube etwa 20 Stunden, und es war eine "systemische Therapie", vorwiegend um Angstzustände zu behandeln (Soziale Phobie) aber auch andere Dinge, die ich mir aussuchen konnte, wie mehr Verantwortung für meine Entscheidungen zu ¨übernehmen. Die Paruresis hatte ich auch angesprochen, aber gewünscht die bei einem männlichen Therapeuten zu machen. Zwischendurch bin ich auch zu einem Urologen gegangen - auch das erste mal in meinem Leben - und ihm das mit der Paruresis erzählt und dass manchmal noch etwas Urin noch rausläuft, nachdem ich auf dem Klo war. Er hat mir dazu Tipps gegeben, und meinte auch dass viele Männer nicht auf dem Pissoir "pinkeln" (seine Worte ;) ). Jedenfalls ging die Psychotherapie positiv weiter. Am Ende der Therapie habe ich mich so gut gefühlt, wie seit vielen Jahren nicht mehr. Für die Paruresis hatte ich via Google nur 2 mögliche Therapeuten in Berlin gefunden. (Welche, die es "offen" auf ihrer Website bewerben)

Ich bin zum männlichen Therapeuten gegangen, es handelt sich um einen Hypnotherapeuten. Offen gesagt, ich fand ihn ein bisschen unseriös und teuer, aber das war mir dann auch egal. Das organisatorische war schrecklich umständlich: für einen Termin um 15:00 erst um 15:00 klingeln, Geld im Voraus überweisen etc. In der ersten Sitzung hatten wir ein eingehendes Gespräch. Irgendwie war es lustig, nicht wirklich unangenehm. Außerdem war es alles wortwörtlich ein Theater, auf dem Tisch standen massenweise Gläser, ein großer Trog mit Wasser. Und wenn ich getrunken habe, hat der Therapeut hastig nachgefüllt. Jedenfalls folgten dann Hypnosesitzungen von 1-1,5 Stunden. Die waren ganz gut und ich habe mich da echt entspannt, auch nachhaltig, muss ich sagen. Die letzte Sitzung war aber absolutes Chaos, ich hatte vergessen das Geld im Voraus zu überweisen und danach hatte der Therapeut nicht mehr auf eine erneute Anfrage geantwortet.

Also bin ich dann zur Therapeutin gegangen. Die fand ich ehrlich gesagt viel viel seriöser. Auch waren die Hypnositzungen nicht im Liegen sondern im Sitzen. Wir haben gemeinsam Ziele besprochen. Naja, jedenfalls bin ich nun fertig und zwar sind die Schwierigkeiten mit den Pissoirs, wenn man so will noch da. Aber das ist mir jetzt wurscht, ich gehe dann halt in einen abschließbaren Stall. Wir haben diese Situation in der Therapie dutzende Male durchgesprochen und analysiert. Im Zweifelsfall muss ich halt länger warten, kann aber dann in Ruhe sitzen, durchatmen, mir etwas Zeit nehmen und fertig. Im Grunde hat sich dahingehend auch mein Selbstbewusstsein stark gebessert. Insgesamt habe ich 10 oder 11 Hypnosetherapiestunden gemacht, 5 beim ersten Therapeuten und die anderen bei der Therapeutin. (Das mit dem zum Pissoir zu gehen werden ich glaube ich so lassen - aber wer weiß, vielleicht versuche ich das in 1-2 Jahren auch noch mal anzugehen. Aber definitiv nie wieder auf eigene Faust, sondern mit einem Psychotherapeuten/in ;) .)

Ich weiß nicht wie hilfreich das ist, aber wenn ihr Probleme mit den Pissoirs habt, sollte ihr vielleicht in Erwägung ziehen den einfacheren Weg wählen, anstatt euch selbst zu quälen. Es gibt auch andere Menschen, die "in Würde" zum pinkeln in den abschließbaren Stall gehen. (Mir hatte einmal jemand vor Jahren erzählt, er würde das lieber machen weil es sonst so spritzt. Er ist nicht so groß gewachsen, vielleicht 1,60) Letztendlich denkt man immer, es wäre etwas schlimmes, aber dem ist nicht so. Wie gesagt, da braucht man dann auch ein bisschen Selbstbewusstsein und etwas Schlagfertigkeit, zumindest was diese Situation angeht. (Das Problem mit den Urinresten in der Hose hat sich auch gelöst. Jetzt lasse ich mir immer ein bisschen mehr Zeit, nutze ggf. Klopapier, kaufe hochwertigere Hosen/Unterwäsche und wasche diese nicht mehr bei 60 grad :D Ich glaube das hat die Textilfasern etwas ausgelaugt)

Hayakusa
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Re: Therapie gemacht

Beitrag von Hayakusa » 30. September 2020 00:52

Hey hey,

ich wollte mal die Gelegenheit nutzen und mich von Herzen bei dir bedanken. Positive Berichte (Erfolgsberichte) zu Paruresis sind so selten... und leider ist dieses Forum hier so gut wie "Tod". Aber mir hat dein Bericht sehr gut gefallen und mir auch definitiv Hoffnung gemacht das ganze jetzt auch mal mit professioneller Hilfe anzugehen.

Ps. Obwohl ich natürlich auf Grund von Paruresis nur in Kabinen gehe, muss ich sagen, ich würde es auch als Nicht-Paruretiker machen. Ich mag es einfach mich untenrum danach mit einem Stück Klopapier zu säubern. Sonst landet doch meist ein Tröpfchen in der Hose... "Da hilft kein schütteln und kein Klopfen - ins Hemd geht doch der letzte Tropfen" :D
Bei mir ist es leider die Zeit-Problematik, sofern ich das Gefühl habe jemand wartet auf mich, hab ich selbst in der Kabine Schwierigkeiten. Aber es ist mal besser und mal schlimmer. Wie gesagt, ich gehe es jetzt an 8)

Ganz ganz dicken Dank nochmal! Ich wünsche dir alles Liebe. Stay healthy & happy

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