Hallo Leute,
durch die webweite
Publizierung von Jürgen habe ich nun auch durch Zufall
zu eurer Seite gefunden.
Daher habe ich beschlossen
euch nun auch einmal meine Geschichte zu
erzählen. Mein Problem habe
ich schon seit ich denken kann, also nicht wie
viele hier beschreiben erst
seit der Pubertät. Mittlerweile weiß ich auch
ungefähr, warum sich das so
entwickelt hat. Durch ein traumatisches
Erlebnis während meiner
frühen Kindheit, hatte ich einige Jahre lang Angst
vor Männern, wollte keiner
werden und diese Verhaltensweisen nicht
annehmen. Ich muss etwa um
die 4 Jahre gewesen sein damals.
So habe ich von Anfang an
immer nur zu Hause auf der Toilette sitzend
uriniert. Schon von Anfang
an habe ich mit Einschränkungen leben müssen,
die mein Leben bestimmt
haben. Wenn ich zum Beispiel mit anderen Kindern im
Wald gespielt habe, bin ich
2 Kilometer nach Hause gelaufen zum Pinkeln und
als ich zurück kam, war oft
niemand mehr da. Aus diesem Grund bin ich auch
nicht bei irgendwelchen
Ferienfreizeiten mit dem Turnverein o.ä.
mitgefahren. Natürlich
wollte ich etwas daran ändern aber meine Eltern
sahen das Problem und
versuchten damals mit Bestechung mein Pinkelverhalten
zu normalisieren. Aus
kindlichem Trotz und weil es nicht nach käuflichem
Verhalten sondern nach
eigenem Willen (der es auch wirklich war) aussehen
sollte, habe ich mein
Verhalten jedoch nicht geändert.
So ging mein Leben weiter,
wie viele es beschreiben. Mein Aufenthalt in der
Öffentlichkeit, wie lange
ich irgendwo sein konnte, hing ganz alleine von
meinem Blasenfüllstand ab.
Ich habe genau geplant, wann ich wie viel
trinken konnte um zum
Beispiel während der Schulpausen nicht zur Toilette
gehen zu müssen.
Erst mitten in der Pubertät
habe ich beschlossen wirklich dauerhaft etwas
zu ändern. Ich übte immer
dann wenn ich ungestört war das Urinieren im
Wald, den Umgang mit
Urinalen und öffentlichen Toiletten und nach einiger
Zeit klappte es auch ganz
gut, wenn ich alleine war. Aber wo, bei welchen
Veranstaltungen etc. ist man
normalerweise alleine? Dieser Fortschritt
machte mich zwar erst mal
glücklich aber richtig weiter geholfen hat er mir
nicht.
So plante ich auch in meiner
weiterführenden Schule (wo ich den Besuch der
Toilette nicht mehr bis zur
Heimkehr aufschieben konnte, da ich oft über 12
Stunden weg war) den Gang
zur Toilette ganz genau. Ich beobachtete die Tür
genau, das Ein und Aus,
passte meine Geschwindigkeit genau der Entfernung
an, war ich weiter weg, ging
ich langsam, beobachtete ob jemand Anderes
auch auf diese Tür zu ging
und gab Leuten die sich evtl. noch im Raum
befanden die Gelegenheit ihr
Geschäft zu verrichten bevor ich an der Tür
ankam. Sobald ich in
geringerer Entfernung war und keiner vor mir den Raum
betreten hatte, rannte ich
fast auf die Tür zu und bemühte mich anzufangen,
bevor jemand Anderes den
Raum betrat.
Bei mir ist es nämlich so:
Wenn es erst mal läuft habe ich keine Probleme
mehr, wenn jemand Anderes
dazu kommt aber so lange jemand Anderes mit im
Raum bzw. in Sichtweite ist,
kann ich nicht anfangen und dann kommt auch
genau das, was andere auch
beschrieben haben. Man gerät fast in Panik, weil
man weiß, dass die anderen
Personen eigentlich wenn sie auch nicht alles
sehen könne zumindest ein
Plätschern hören müssten, doch nichts passiert.
Die Fortschritte die ich in
meiner Entwicklung gemacht habe sind wohl das
weiteste das ich ohne fremde
Hilfe erreichen kann, weil jetzt geht es eben
darum, die Anwesenheit von
Anderen zu trainieren.
Ich habe praktisch noch mit
niemandem darüber gesprochen und hänge jetzt in
meiner Situation schon
wieder einige Zeit fest. Ich entwickele großen Neid
gegenüber Personen die
überall in jeder Situation egal wie viele Personen
um sie rum sind einfach Hose
auf und laufen lassen können. Solche Dinge
brennen sich regelrecht in
meinem Gedächtnis fest und ich muss ständig an
meine Unfähigkeit denken,
was zusätzlich zu den eigentlichen Problemen eine
Belastung darstellt.
Warum ihr alle so ein
englischsprachiges Buch schwärmt ist mir allerdings
etwas rätselhaft. Bücher
können, so meine Erfahrung, Probleme nicht lösen.
Und ich glaube auch, dass
ich alles was ich über dieses Problem wissen muss
auch schon weiß.
Ich habe ein Buch zu einem
anderen Thema gelesen. Es ging um das sich zur
Wehr setzten gegen
Verbalangriffe, eine Sache die mir auch einige
Schwierigkeiten bereitet.
Ein wirklich tolles Buch aber ich bin trotzdem
noch der selbe Mensch,
obwohl ich es gelesen habe. Allerdings wo ich jetzt
eine Person finden soll,
jemandem dem ich genug Vertrauen schenken kann,
darüber zu sprechen und zu
üben? Da bin ich völlig ratlos...
Guten Rutsch und frohes
Pinkeln
Michael
04.09.2003 Heute sieht die
Welt schon ganz anders aus. Jedenfalls bezüglich
dieses einen Problems.
Zunächst einmal etwas
paradoxes. Ich bekomme es immer noch nicht gebacken,
Leuten in meinem Umfeld
(selbst denen, die von dem Problem wissen) zu sagen
"Ich muss mal
pinkeln", "Ich muss mal pissen" oder ähnlich (je
nach
Situation und Umfeld). All
die Jahre habe ich diese Sätze nie gebrauchen
müssen, weil meine
Selbstkontrolle und mein Vermeidungsverhalten besonders
ausgeprägt war und auch
jetzt rede ich noch drum herum doch es ist
sicherlich eine Frage der
Zeit, bis ich das auch noch schaffen werde.
Jetzt zu der Erfolgsmeldung.
Gestern in der Stadt:
Ich war zuerst in einer
richtig vollen Kneipe, hatte vorher schon eine
Menge Flüssigkeit zu mir
genommen (von nichts kommt nichts) und mich dann
in die Höhle des Löwens
begeben.
5 Urinale. 3 Kabinen, davon
eine belegt. Am rechten Urinal war jemand am
Pinkeln, im Vorraum (links)
stand jemand einfach so herum. Ich stellte mich
ans linke Urinal und konnte
tatsächlich pinkeln (es dauerte zwar einige
Sekunden aber immerhin).
Dann kamen noch 2 Leute in den Toilettenraum,
stellten sich an die beiden
Urinale neben mich und aus der Kabine kam einer
heraus und ich stand neben
ihnen und pinkelte wie ein "Normalo". Das war
doch mal eine tolle
Erfahrung.Später besuchte ich noch in einer anderen
Kneipe die Toilette aber da
war es so leer, dass dies überhaupt kein
Problem darstellte.
Vor der Rückfahrt nach
Hause, pinkelte ich noch mal in Anwesenheit eines
Freundes auf dem Parkplatz
in die Büsche. (Er weiß von der Problematik und
deswegen ist es leichter als
in Gegenwart von oberflächlich Bekannten aus
dem Kollegenkreis oder so zu
urinieren).
Ihr werdet es sicher kaum
nachvollziehen können aber ich meine es total
ernst. Manchmal habe ich
mittlerweile sogar das Gefühl, dass es richtig
schade ist, wenn ich zu
hause pinkle und niemand anderes dabei ist.
Ich bin sicherlich noch
nicht vollkommen geheilt (insbesondere wegen der
sprachlichen Barriere) und
weil ich einige Situationen immer noch meide.
Wären direkt drei der vier
Urinale besetzt gewesen und ich hätte in die
Mitte zwischen zwei andere
Pinkler gemusst, wäre das sicher eine
interessante
Herausforderung. Das habe ich mich allerdings noch nicht
getraut. Aber ich habe
wirklich gewaltige Fortschritte gemacht. Mein Dank
gilt Herrn Hammelstein und
dem Düsseldorfer Forschungsprojekt und der Seite
http://www.paruresis-europa.de
(damals noch http://www.paruresis.co.uk/) ,
durch die ich erst darauf
aufmerksam wurde.
07.09.03 Ermutigt von den
bisherigen Erfolgen habe ich heute wieder etwas
Interessantes erlebt. Ich
war in der selben Kneipe, wieder die fünf
Urinale. Am linken und am
rechten stand je ein Fußballfan und durch den
Raum hinweg unterhielten sie
sich lautstark miteinander. Ich habe kurz
überlegt und mich dann
zwischen die beiden an das mittlere Urinal gestellt.
bei dem rechten lief es
schon und auf den linken habe ich gar nicht
geachtet. Es hat zwar einige
Sekunden gedauert aber dann konnte ich auch
pinkeln und das witzige für
mich war, dass der linke Fußballfan plötzlich
sagte „so kann ich nicht
pissen“ und in die Kabine verschwand. Wahnsinn und
ich stand da und es lief.
Das hat mir wirklich den Abend gerettet. Dann
kamen natürlich noch Leute
dazu, viel Rennerei hinter mir in die Kabinen
rein und so, aber das war
dann kein Problem mehr.
Unglaublich. Vor ein paar
Monaten hätte ich nie gedacht, dass das so
schnell gehen kann.
Jetzt hoffe ich natürlich
auch wieder ermutigt auf Fortschritte bei meinen
anderen, noch sehr stark
vorhandenen Problemen.
Michael