Hey Leute,
auch ich habe für lange
Zeit unter Paruresis gelitten und weiss wie schlimm
diese Krankheit sein kann
und wie sehr sie einen vereinnahmen kann. In
vielen Situationen war ich
durch sie durch selbstzerstörerische Gedanken
getrieben kaum in der Lage
mich vor anderen zu entspannen und mich fallen zu
lassen. Die einzige, die
davon wusste war meine damalige Freundin, selbst
meine Familie wusste nicht
über mich Bescheid. Auf jeden Fall habe ich mich
durch die Krankheit
isoliert, bin zwar schon auf Party’s gegangen und habe
recht viel unternommen, doch
die Isolation war hauptsächlich gedanklich. Ich
habe immer etwas
geheimgehalten, auch meine besten Freunde wussten nicht
alles über mich und dieses
Geheimnis musste ich dann z.B. in Situationen,
wenn man zusammen
weggegangen ist, bewahren.
Ich sage kurz was zu meinen
damaligen Symptomen von Paruresis: Ich konnte
ausschließlich in
geschlossenen Räumen urinieren und selbst das hat in
manchen Situationen, vor
allem wenn ich irgendwo zu Gast war und die
Toilette sich in der Nähe
des Aufenthaltsraums befand nicht funktioniert.
Wenn andere anwesend waren,
also in öffentlichen Toiletten hatte ich des
öfteren Probleme in der
geschlossenen Kabine zu urinieren. Zeitdruck war ein
sicherer Indikator für mein
(von mir damals so empfundenes) Versagen. Vor
allem hat das dazu geführt
das ich mich vor anderen verschlossen habe, das
ich mich selbst immer eher
als Außenseiter wahrgenommen habe, das das
Verhältnis zu meiner
Familie nicht offen war, was aber noch andere Gründe
hatte und letztendlich, dass
ich viel gekifft habe.
Das alles war ein ziemlicher
Teufelskreis, bis ich dann zu einem Punkt
gekommen bin, wo ich dachte,
dass ich kurz davor bin richtig durchzudrehen.
Die Beziehung zu meiner
Freundin ist auf übelste Weise in die Brüche
gegangen, meine körperliche
Verfassung war (vor allem durch das Kiffen)
miserabel, ich hatte keine
berufliche Perspektive und habe dazu noch
erfahren müssen, dass ich
eventuell unfruchtbar bin, da ich Krampfadern und
eine bakterielle Entzündung
im Hoden (leider noch immer) habe.
Als ich dann an diesem Punkt
angelangt bin, war für mich ganz klar, dass es
so nicht weitergeht und das
ich zwei Möglichkeiten habe. Ich habe mich
entschieden, und seitdem
sind so viele wunderschöne Dinge in meinem Leben
passiert. Ihr merkt, dass
meine Probleme etwas über die Krankheit Paruresis
hinausgehen, ich möchte
aber versuchen den Schwerpunkt darauf zu legen.
Der erste Schritt war, dass
ich mich vor den anderen nach und nach geöffnet
habe. Ich habe zuerst meiner
Familie von der Krankheit erzählt, dann meinen
engen Freunden. Ungefähr zu
dieser Zeit habe ich mich zum ersten mal der
Krankheit gestellt. Ich bin
auf eine öffentliche Toilette an einer
Autobahnraststätte gegangen
und bin nicht in die Kabine gegangen, sondern
habe mich zu den anderen
gestellt, fürchterliches Herzklopfen gehabt und
natürlich keinen einzigen
Tropfen Urin verloren. Ich habe sehr auf die
anderen geachtet, war gar
nicht in meiner eigenen Haut, fand die Situation
peinlich und die Ängste,
die hinter der Krankheit standen sind hochgekommen.
Obwohl diese Erlebnisse, von
denen es noch zahlreiche gab immer unglaublich
viel Kraft gekostet haben,
da einfach immer genau das passiert ist vor dem
ich so unsagbar viel Angst
hatte, nämlich dass ich vor anderen stehe und
nicht urinieren kann, ist
nach und nach ein Gefühl in mir entstanden, das
mir gesagt hat, dass es gut
ist wie ich handele und dass ich weitermachen
muss. Trotzdem gab es immer
wieder die Situation, wo ich es nicht geschafft
habe mich zu stellen, auf
die Kabine gegangen bin ohne mich vorher der
Situation auszusetzen.
Irgendwann gab es dann Situationen mit meinen engeren
Freunden, wo ich mich
ebenfalls der Angst gestellt habe, mich also mit ihnen
zum gemeinsamen Pinkeln
begeben habe und wo wiederum gar nichts ging. Die
Früchte dieser
Konfrontationen, die echt im ersten Moment einfach furchtbar
waren, habe ich dann nach
und nach durch ein stetiges, immer größer
werdendes Gefühl von
Stärke getragen: Ich setzte mich meinen Ängsten aus,
ich habe den Mut zu
versagen, vor anderen dazustehen und nicht urinieren zu
können. Dadurch dass ich
Mut aufgebracht habe ist meine Kraft und neuer Mut
gewachsen, ganz ganz langsam
und lange Zeit ohne es zu merken. Und was
letztendlich das Resultat
von diesem Prozess und auch mein Ziel war, das
Vertrauen in mich ist
gewachsen. Ich habe darauf weiteren Leuten von meinem
Problem erzählt. Ich
studiere einen medizinischen Beruf und wir sollten ein
Gesundheitsprofil von uns
selbst erstellen. Ich habe dann vor einer Gruppe
von 10 Leuten samt Dozenten
mein Problem vorgetragen, was auch wieder eine
Menge Mut gekostet hat, aber
wodurch ich so viel gewonnen habe. Ich habe
daraufhin eine Party bei mir
veranstaltet, und ich wusste, alle wissen von
meinem Problem. Und anstatt
den Befürchtungen die ich immer hatte, alle
würden sich über mich
lustig machen etc. bin ich auf Verständnis gestoßen,
habe ich es zum ersten mal
geschafft mich in einer Gruppe so richtig wohl zu
fühlen. Das Erlebnis war
unendlich schön. Sicherlich gab es Gespräche hinter
meinem Rücken, aber es ist
so viel wichtiger ehrlich zu sein und zu sich zu
stehen, man kann nur daraus
gewinnen.
Das Problem war noch nicht
weg und dadurch, das alle nun davon wussten gab
es Momente, wo die Angst
stärker als je zuvor präsent war. Selbst zu Hause
hatte ich teilweise Probleme
zu urinieren, ich konnte mich nicht mehr
verstecken und
zurückziehen. In meinem Studium bin ich eine Zeit lang im
zehn Minuten Takt auf die
Toilette gegangen, ich habe wieder Situationen
vermieden, ich hatte Angst,
dass jetzt, wo ich so viel unternommen habe das
Ergebnis ja auch ausbleiben
kann und ich immer mit dieser Krankheit leben
muss. Doch das Vertrauen,
auch wenn es oft nicht so spürbar und schnell wie
die Angst ist, ist stetig
und wächst, wenn man sich seinen Ängsten stellt,
das habe ich für mich
gelernt.
Dann kam der Tag, an dem ich
meine Angst überwunden habe, ich wusste, dass
es noch einmal an der Zeit
war sich zu konfrontieren und bin auf eine sehr
stark besuchte öffentliche
Toilette gegangen. Darauf habe ich dann ungefähr
anderthalb Stunden
verbracht. Menschen kamen und gingen, einige Kinder waren
dabei und haben zum
Lautstärkepegel beigetragen, eine Putzfrau ist
irgendwann gekommen und hat
um mich herum geputzt. Ja sogar ein älterer Herr
hat sich neben mich
gestellt, konnte nicht urinieren, war durch meine
Anwesenheit peinlich
berührt und hat zu mir rübergeschielt, worauf ich ihn
mit Blicken zurückgewiesen
habe. Es war mir nicht mehr peinlich. Er ist dann
gegangen ohne zu urinieren.
Ein anderer hat sich zuerst ans Pissoir gestellt
und ist danach mit einer
zornigen Geste in die Kabine gegangen. Das war für
mich das erste Mal, dass ich
einen anderen Menschen gesehen habe, der
ebenfalls unter dem Problem
leidet. Als ich gemerkt habe, dass ich noch
nicht kann und meine Beine
langsam schwer wurden, bin ich dann etwas trinken
gegangen und wieder
zurückgekehrt. Dann, irgendwann war sie weg die Angst,
kam das Vertrauen, war die
Umgebung für mich das was sie für viele andere
Menschen auch ist: Ein Raum
ohne Angst und Hintergedanken, eine Umgebung in
der man sich entspannen
kann. Seit diesem Tag setze ich mich stetig der
Situation aus, aber etwas
ist anders. Ich habe die Gedanken erkannt, die
mich blockieren, ich kann
sie abstellen, sie leben noch manchmal auf, aber
sie herrschen nicht mehr
über mich.
Der Grund warum ich das
schreibe ist, dass ich mir wünsche dass es
vielleicht jemanden gibt der
das liest und dem das hilft, der vielleicht
einen Gedanken daraus
gewinnen kann, der ihm auf seinem Weg mit seiner
Krankheit umzugehen
weiterbringt. Ich wünsche Euch Mut und Kraft. Alles Gute
Christian